This Is How You Lose the Time War: eine Feindin, der es sich zu schreiben lohnt
Red hat eine Schlacht gewonnen und weiß doch nicht, ob sie damit irgendetwas gewonnen hat. Inmitten der Zerstörung erkennt sie das Werk von Blue, einer Agentin, die für eine konkurrierende Zukunft kämpft. This Is How You Lose the Time War lässt mit dieser Erkenntnis eine Liebesgeschichte beginnen: Wer deine Arbeit zunichtemachen kann, könnte auch der Mensch sein, der sie versteht.
Schon gelesen? Nächstes Buch findenRedaktionelle Einschätzung, keine exakte Messung
Ein Sieg ohne jemanden zum Reden
Bei ihrem ersten Auftritt steht Red allein zwischen den Toten. Ihre Agency manipuliert die Geschichte, um jene Zukunft zu sichern, aus der sie selbst hervorgeht; gewöhnliche Menschenleben können bei dieser Rechnung zu Hindernissen werden. Doch auch nach einer erfolgreichen Operation bleibt Reds Unbehagen. Der Auftakt verbindet militärisches Können mit einer eigentümlichen Leere: Selbst überwältigende Gewalt garantiert ihr nicht, dass sie versteht, was geschehen ist.
Der Reiz dieser Szene liegt darin, wie brüchig Reds Gewissheit bleibt. Sie kann Außergewöhnliches vollbringen und braucht dennoch eine Deutung. Der mögliche Eingriff ihrer Gegnerin beschäftigt sie stärker als die Verwüstung, die sie angerichtet hat. Eine als Liebesgeschichte angekündigte Erzählung beginnt mit der Schwierigkeit, jemanden zu finden, der einem antworten kann, auch wenn diese Antwort bislang die Form von Sabotage angenommen hat.
Eine Handschrift erkennen, bevor man einem Menschen begegnet
Red erkennt ihre Rivalin an einem Muster waghalsiger Entscheidungen. Das makellose Blatt Papier, das sie entdeckt, verstärkt eine Aufmerksamkeit, die bereits seiner abwesenden Verfasserin gilt. Die Anweisung „Burn before reading“ verbindet eine Herausforderung mit handfester Gefahr. Das Lesen könnte Red bei ihrer eigenen Kommandantin verdächtig machen. Neugier hat nun einen Preis, den bloßes Können nicht aus der Welt schafft.
Für mich ist das ein überzeugender Anfang für eine Liebesgeschichte zwischen Feindinnen, weil die berufliche Bewunderung einen konkreten Anlass hat. Das Erkennen kommt vor dem Vertrautwerden. Die Rivalin hat Red genau genug beobachtet, um sich eine Versuchung für sie auszudenken. Red wiederum gesteht ihr eine Individualität zu, die sie den Armeen um sich herum verweigert. Diese ungleiche Verteilung von Aufmerksamkeit ist unangenehm: Nähe entsteht inmitten von Menschenleben, die als entbehrlich gelten.
Die Zeit in einem Brief
Im Interview mit Eliot Peper beschreibt Amal El-Mohtar einen Brief als einen Augenblick im Leben eines Menschen, der jemandem entgegengeschickt wird, der bei seiner Ankunft bereits ein anderer sein wird. Schreiben und Lesen brauchen unterschiedlich viel Zeit. Eine Pause, die für die schreibende Person Tage dauert, kann für die lesende in einem ununterbrochenen Satz verschwinden. Diese alltägliche Verschiebung gibt der kühnen Prämisse einen vertrauten emotionalen Halt.
Wer einen Brief schreibt, kann nicht bestimmen, welcher Mensch die Nachricht schließlich öffnet. Man muss sich diesen Menschen vorstellen und sich dennoch auf das Schreiben einlassen. Neben Institutionen, die die Zukunft nach ihren Vorstellungen ordnen wollen, erscheint das persönliche Schreiben in der Schilderung des Autorenduos auch in anderer Hinsicht riskant: Es lässt einen antwortenden Verstand zu, dessen Reaktion noch nicht geschrieben steht. Wie jemand antworten könnte, weckt ebenso viel Interesse wie der Weg, den eine Nachricht nimmt.
Für eine bestimmte Person schreiben
Im Gespräch mit Powder Scofield für Vector erzählt das Autorenduo, wie Brief und Empfangsszene zunächst getrennt entstanden und die Texte anschließend ausgetauscht wurden. Die jeweilige Situation besprachen sie, der Brief selbst blieb eine Überraschung. Diese Arbeitsweise passt zu dem, was das Buch seinen Lesenden verspricht: Eine Antwort kann das Vergnügen bereiten, auf etwas zu treffen, das man allein nicht hätte hervorbringen können.
Im selben Interview sprechen beide über den Zusammenhang zwischen ihrer Fiktion und Freundschaften aus frühen Online-Rollenspielen. Dort konnte die Sprache eines Menschen vertraut werden, lange bevor man dessen Gesicht oder Alltag kannte. El-Mohtar verbindet die Nähe zwischen Red und Blue mit der Erfahrung, weit außerhalb des unmittelbaren Umfelds jemanden mit gemeinsamen Interessen zu finden. Das erklärt, warum die gegnerische Agentin eine Form von Gesellschaft bietet, die keine der beiden Frauen zu Hause findet.
Eine private Nachricht hinterlässt Spuren
Der Auftakt endet damit, dass eine dritte Gestalt die zerstörte Nachricht birgt. Auch ohne zu wissen, wer da auf der Suche ist, spürt man, wie sich dadurch die Vertraulichkeit des Briefs verändert. Eine Mitteilung für eine einzige Person kann weitere Lesende finden. Zerstörung bietet keine verlässliche Garantie für Privatheit, und mit unserem privilegierten Einblick kommt das unangenehme Gefühl, womöglich zu lauschen.
Diese Seiten dürften Menschen ansprechen, die eine stilisierte Sprache, zurückgehaltene Erklärungen und eine Anziehung mögen, die sich in geistigen Herausforderungen ausdrückt. Das Schlachtfeld ist blutig; die künftigen Liebenden sind an dieser Gewalt beteiligt. Die Spannung zwischen ihrer außergewöhnlichen Aufmerksamkeit füreinander und der Gleichgültigkeit ihrer Arbeit gegenüber anderen Leben macht den Auftakt reizvoll und unbequem. Ich möchte diesen Briefwechsel weiterverfolgen, weil die versprochene Zärtlichkeit einen so beunruhigenden Ausgangspunkt hat.
Drei Richtungen zum Weiterlesen
The Other Valley · Scott Alexander Howard
Auch in Scott Alexander Howards The Other Valley geraten persönliche Bindungen unter den Einfluss von Institutionen, die den Zugang zur Zeit regeln.
Der Unterschied: Die benachbarten Täler liegen zeitlich zwanzig Jahre auseinander, und eine junge Anwärterin auf einen Ratssitz muss sich mit den Besuchsregeln auseinandersetzen. Hier geht es um Trauer und behördliche Erlaubnis in einer räumlich begrenzten Gemeinschaft; Red und Blue dagegen tauschen als rivalisierende Agentinnen Nachrichten über einen Krieg hinweg aus.
The Mimicking of Known Successes · Malka Older
Malka Olders The Mimicking of Known Successes lässt ebenfalls beruflichen Respekt in die Beziehung zweier Frauen in einer spekulativen Welt hineinwirken.
Der Unterschied: Mossa und Pleiti haben eine gemeinsame Vergangenheit und ermitteln auf dem Jupiter in einem Vermisstenfall. Ihre erneute Nähe setzt die Beziehung auf andere Weise unter Druck als Reds und Blues gefährlicher erster Kontakt per Brief.
Piranesi · Susanna Clarke
Susanna Clarkes Piranesi erzählt ebenfalls von einem isolierten Menschen, dessen Welt sich verändert, als Nachrichten auf eine unbekannte Anwesenheit hindeuten.
Der Unterschied: Die Notizbücher, Hallen und Gezeiten lenken die Aufmerksamkeit darauf, wie verlässlich das Wissen eines einzelnen Menschen ist. Diese Lektüre führt in Einsamkeit und Rätsel; im Mittelpunkt steht hier keine Romanze zwischen Gegnerinnen, die einander bereits an ihren Fähigkeiten erkennen.
Fragen vor der Lektüre
Gehört das Buch zu einer bestehenden Reihe der beiden?
Nein. Es ist ihre gemeinsame, in sich abgeschlossene Novelle. Man braucht weder Gladstones Craft Sequence noch El-Mohtars andere Erzählungen zu kennen.
Sind Red und Blue gewöhnliche menschliche Figuren?
Sie werden als Frauen und rivalisierende Agentinnen vorgestellt, doch ihre Körper und Fähigkeiten überschreiten gewöhnliche menschliche Grenzen. Im Auftakt sieht man, wie Reds Waffen sich in ihren Körper zurückfalten. Der Lektüreleitfaden des Verlags unterscheidet zwischen der technologischen Agency und dem organischen Bewusstsein von Garden.
Muss ich jede historische oder literarische Anspielung verstehen?
Im Vector-Interview erzählt das Autorenduo, dass sein unterschiedliches Wissen über Pflanzen, Mathematik, Literatur und Musik ins Schreiben eingeflossen ist. Die Anspielungen können die Lektüre bereichern, ohne zur Aufnahmeprüfung zu werden: Im Auftakt stehen zunächst Reds Neugier, der Brief und die Gefahr, entdeckt zu werden, auf dem Spiel.
Quellen und redaktionelle Einordnung
Direkt gelesen haben wir den vollständigen, öffentlich zugänglichen Auszug aus Kapitel 1 bei Simon & Schuster, von Reds Sieg auf dem Schlachtfeld bis zur Rekonstruktion des Briefs durch die suchende Gestalt. Die vollständige Novelle haben wir nicht gelesen. Die Gespräche des Autorenduos mit Eliot Peper und Vector bilden die Grundlage für die Ausführungen über Briefwechsel und Zusammenarbeit; die Inhaltsvorstellung und der Leitfaden des Verlags liefern den weiteren Rahmen. Deutungen und Vergleiche stammen von FolioRoam. Die verlinkten Verlage belegen die jeweiligen Ausgangssituationen der Vergleichstitel.
- Simon & Schuster / Saga Press · Official Chapter 1 excerpt and premise, with the reading guide introduction
- Eliot Peper · Direct interview with Amal El-Mohtar and Max Gladstone, August 2021; letters and time
- BSFA Vector · Powder Scofield interviews Amal El-Mohtar and Max Gladstone, Part 1, March 11, 2020; collaboration and private readership
- Simon & Schuster · The Other Valley, official premise
- Macmillan / Tor Books · The Mimicking of Known Successes, official premise and opening
- Bloomsbury · Piranesi, official premise
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