Amatka: die Arbeit, die Dinge zusammenzuhalten
Vanja reist nach Amatka, um Hygieneprodukte zu untersuchen. Noch vor ihrer Ankunft muss sie verhindern, dass ihr Gepäck seine Form verliert. Karin Tidbeck macht die Brüchigkeit dieser Welt in ohnehin mühsamen Alltagspflichten spürbar.
Schon gelesen? Nächstes Buch findenRedaktionelle Einschätzung, keine exakte Messung
Ein Koffer braucht Zuspruch
Im Zug flüstert Vanja den Namen ihres abgenutzten Koffers, damit er zusammenhält. Das verblassende Etikett lässt gewöhnlichen Verschleiß und den drohenden Verlust der materiellen Form ineinander übergehen. Tidbeck führt diese Möglichkeit über eine vertraute Überlegung ein: Wie lange lässt sich das Vorhandene noch benutzen?
Die Geste wirkt erschöpft und persönlich. Ein Besitzstück verlangt Aufmerksamkeit, obwohl seine Besitzerin Ruhe braucht. So erfahren wir von der instabilen Welt durch die Last ihrer Instandhaltung, bevor eine Erklärung das Unheimliche bequem auf Abstand bringen könnte. Der Name enthält die bescheidene Hoffnung, den Gegenstand morgen noch verwenden zu können.
Frühstück nach einer kleinen Katastrophe
Im späteren veröffentlichten Auszug ist eine Zahnbürste mit verblasster Beschriftung zu Paste geworden. Ivar entsorgt sie und fordert Vanja dann zum Essen auf. Seine praktische Freundlichkeit macht die Szene unheimlich: Der Zerfall eines vertrauten Gegenstands gehört zum morgendlichen Ablauf.
Die Aufgabe ist erschreckend und zugleich zu bewältigen. Jemand weiß, was zu tun ist; danach kann man frühstücken. Diese Verbindung verleiht dem Leben in der Kolonie Glaubwürdigkeit. Festgelegte Verfahren können beruhigen, wenn man gerade etwas in Händen hält, das seine bisherige Gestalt verloren hat. Ivars Fürsorge gibt Vanja außerdem einen Grund, innerhalb dieses eingeschränkten Lebens einem Menschen zu vertrauen.
Wie ein Kinderlied seine Bedeutung verändert
Vanja erinnert sich, wie gern sie als Kind beim Benennen von Gegenständen sang. Angst kommt hinzu, als die Kinder erfahren, dass eine Kolonie verloren ging. In ihrer Erinnerung gehören die Benennungsübungen und die erzwungene öffentliche Lossagung von ihrem Vater zur selben Schulzeit.
Die Lektion bindet die Zuneigung eines Kindes an die Sicherheit aller anderen. Ihr bleibt kaum Raum, die Anschuldigung selbst zu beurteilen. Wiederholung wird auf zweierlei Weise bedrückend: Wörter erhalten vertraute Dinge; ein vorgeschriebener Satz wird so lange wiederholt, bis der Lehrer den Loyalitätsbeweis akzeptiert. Die Freude am gemeinsamen Singen lässt sich für Zwang einsetzen.
Schlichte Sätze mit wenig Spielraum
Tidbeck erklärt im Gespräch mit Sotto la copertina, dass das schwedische Original mit möglichst wenigen Metaphern, Synonymen und Homonymen die Sprachregeln der Kolonie aufgreift. Das hilft zu verstehen, weshalb gewöhnliche Hauptwörter in diesen englischen Passagen Aufmerksamkeit verlangen. Die englische Übersetzung stammt ebenfalls von Tidbeck.
Ein beständiger Name beruhigt, eine andere Lautfolge kann gefährlich werden. In der Schulerinnerung bringt bereits die Umkehrung eines Wortes den benannten Gegenstand zum Zittern. Kleine sprachliche Abweichungen haben körperliche Folgen und machen das Lesen wachsam. Die knappe Sprache lässt jene Freiheit spürbar werden, die sonst in der Wahl einer Beschreibung liegt.
Ein leeres Feld im Formular
Bei der Anmeldung zieht eine unbeantwortete Frage nach Kindern die Aufmerksamkeit des Empfangsmitarbeiters auf Vanja. Verwaltungsroutine dringt in ihr Privatleben ein. Während eines gewöhnlichen Behördengangs muss sie sich für ihren Körper rechtfertigen.
Im selben Interview erläutert Tidbeck die vorgeschriebene Fortpflanzung und Vanjas Leiden daran. Davon unterscheidet Tidbeck ausdrücklich die Akzeptanz ihrer Beziehung mit Nina. Diese Belastungen haben verschiedene Ursachen. Sexuelle Freiheit kann hier neben einem invasiven Gebärzwang bestehen; ein pauschales Urteil über die Freiheit dieser Gesellschaft greift deshalb zu kurz.
Warum man an einem beängstigenden Ort bleibt
Laut Verlagsbeschreibung verliebt sich Vanja in Nina und verlängert ihren Aufenthalt; ihre Nachforschungen bringen sie anschließend in Gefahr. Im veröffentlichten Auszug verteidigt Nina Vanja beim Abendessen gegen Ullas verletzende Bemerkung. Diese konkrete Fürsorge macht die Bindung verständlich, obwohl die Regeln zunehmend verstören.
Wer Unbehagen in alltäglichen Abläufen sucht, findet hier einen Zugang. Die Passagen verlangen Geduld mit unerklärten Bedingungen und enthalten familiären sowie reproduktiven Zwang. Die beruhigende Leichtigkeit einer Gemeinschaftsgeschichte bieten sie kaum: Derselbe Alltag, der Nähe zulässt, erfordert ständige Wachsamkeit.
Drei Richtungen zum Weiterlesen
Insel der verlorenen Erinnerung · Yoko Ogawa
Auch in Yoko Ogawas The Memory Police bedroht eine kontrollierende Macht alltägliche Besitztümer. Eine Schriftstellerin versucht, ihren gefährdeten Lektor zu schützen.
Der Unterschied: Ogawas Ausgangspunkt sind Verschwinden und Vergessen. Amatkas Anfang überträgt den Bewohnern die dauernde Arbeit, Dinge durch ihre Namen in Form zu halten.
The Employees · Olga Ravn
Olga Ravns The Employees bringt menschliche und menschenähnliche Beschäftigte mit fremdartigen Objekten zusammen, an die sie sich binden. Arbeit und institutionelle Sprache rahmen ihre Reaktionen.
Der Unterschied: Ravn setzt den Roman aus Berichten und Mitteilungen einer Raumschiffbesatzung zusammen. Hier erhält man viele Stimmen von Beschäftigten; bei Amatka folgt man Vanjas Bewegungen und Erinnerungen aus der Nähe.
The City & The City · China Miéville
China Miévilles The City & the City folgt einem Ermittler durch benachbarte Städte, deren Grenze eine ungewöhnliche Wahrnehmungsleistung verlangt. Auch hier bestimmen Regeln das alltägliche Sehen.
Der Unterschied: Borlú beginnt mit einem Mordfall und arbeitet mit einem weiteren Ermittler. Amatka führt seine Instabilität über einen Hygieneauftrag und die Pflege brauchbarer Haushaltsgegenstände ein.
Fragen vor der Lektüre
Wurde Amatka ursprünglich auf Englisch geschrieben?
Nein. Tidbecks Werkseite nennt das schwedische Original von Mix Förlag aus dem Jahr 2012. Tidbeck übersetzte den Roman selbst; die englische Vintage-Ausgabe erschien 2017.
Versteht Tidbeck den Roman als Kritik an Schweden?
Im Interview mit Sotto la copertina verneint Tidbeck diese konkrete Absicht. Beschrieben wird ein Experiment mit den Idealen schwedischer sozialistischer Kommunen, die auf eine unbeständige Welt treffen.
Begann das Buch als Prosa?
Laut Tidbeck entstanden aus Traumnotizen zunächst eine Karte und ein Gedichtband, bevor der Stoff zu Prosa wurde.
Quellen und redaktionelle Einordnung
Direkt gelesen wurden der vollständige veröffentlichte Anfang „The Train“ bei Penguin Random House Higher Education und der von Vintage autorisierte Auszug „Seconday“ bei Literary Hub, vom Donner bis zu Ninas Entdeckung der Produkte auf Vanjas Tisch. Den ganzen Roman haben wir nicht gelesen. Die weitere Handlung entnehmen wir Vintage; Kontext liefern Tidbecks eigene Antworten bei Sotto la copertina. Die Deutungen stammen von FolioRoam, die Vergleiche beruhen auf den verlinkten Verlagsbeschreibungen.
- Vintage / Penguin Random House · Amatka, wider premise and English edition
- Penguin Random House Higher Education · Complete published English opening, The Train
- Literary Hub / Vintage · Authorised English Seconday excerpt
- Sotto la copertina · Direct Karin Tidbeck answers, English original of February 2020 interview
- Vintage / Penguin Random House · The Memory Police, publisher premise
- New Directions · The Employees, publisher premise
- Del Rey / Penguin Random House · The City & the City, publisher premise
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